FFMNahDran: Niederrad zwischen Bürostadt, Wohnen und Main

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Niederrad gehört zu den Frankfurter Stadtteilen, die sich kaum mit einem einzigen Bild beschreiben lassen. Zwischen altem Ortskern, Universitätsklinikum, Mainufer, Wohnsiedlungen und dem früheren Bürostandort im heutigen Lyoner Quartier treffen sehr unterschiedliche Seiten Frankfurts aufeinander.

Genau diese Mischung macht Niederrad für FFMNahDran interessant.

Denn der Stadtteil zeigt auf engem Raum, wie stark sich Frankfurt verändert und wie aus Bereichen, die ursprünglich für völlig andere Zwecke geplant wurden, neue Stadtquartiere entstehen können.

Vom ehemaligen Wäscherdorf zum Frankfurter Stadtteil

Niederrad liegt südlich des Mains zwischen Sachsenhausen und Schwanheim und hat eine deutlich längere Geschichte als die großen Bürogebäude vermuten lassen.

Die Stadt Frankfurt erinnert selbst an die Vergangenheit Niederrads als ehemaliges Wäscherdorf. Teile des alten Ortskerns haben sich ihren vergleichsweise kleinteiligen Charakter bis heute bewahrt. Gleichzeitig wurde Niederrad bereits im Jahr 1900 nach Frankfurt eingemeindet.

Heute gehört der Stadtteil längst selbstverständlich zur Großstadt. Trotzdem gibt es Straßen und Ecken, an denen Niederrad deutlich weniger nach Innenstadt und mehr nach gewachsenem Wohnviertel aussieht.

Dieser Kontrast zieht sich durch den gesamten Stadtteil.

Zickzackhausen als Stück Frankfurter Architekturgeschichte

Eine der bekanntesten Besonderheiten Niederrads ist die Siedlung Bruchfeldstraße.

Sie entstand 1927 nach Plänen des Frankfurter Architekten und Stadtplaners Ernst May und wird wegen ihrer markanten, versetzten Fassadenanordnung häufig als „Zickzackhausen“ bezeichnet. Die Anlage gehört zu den sichtbaren Spuren des Wohnungsbaus des sogenannten Neuen Frankfurt.

Damit besitzt Niederrad etwas, das im Alltag leicht übersehen werden kann: Der Stadtteil ist nicht nur Wohnort und Bürostandort, sondern auch ein Stück Frankfurter Architektur- und Stadtplanungsgeschichte.

Gerade solche Orte passen zum Gedanken von FFMNahDran. Sie zeigen, dass Stadtgeschichte nicht nur in Museen oder berühmten Altbauten steckt, sondern mitten in ganz normalen Wohnvierteln.

Die Bürostadt, die keine reine Bürostadt mehr sein soll

Auf der anderen Seite Niederrads steht ein völlig anderes städtebauliches Konzept.

Als in den 1950er Jahren Büroflächen in der Frankfurter Innenstadt knapp wurden, plante die Stadt einen neuen Bürostandort am Stadtrand. 1960 wurde das Konzept offiziell angekündigt. Ab 1965 entstanden großformatige Büro- und Verwaltungsgebäude in einem verkehrsgünstig gelegenen Gebiet nahe der A5 und des Flughafens.

Die sogenannte Bürostadt Niederrad war ursprünglich genau das: eine Bürostadt.

Arbeiten sollte hier im Mittelpunkt stehen, Wohnen spielte kaum eine Rolle.

Was damals modern erschien, entwickelte sich Jahrzehnte später zunehmend zum Problem. Reine Büroquartiere funktionieren außerhalb der Arbeitszeiten oft nur eingeschränkt. Gleichzeitig entstand in Frankfurt immer größerer Bedarf an Wohnraum.

Die Stadt begann deshalb, das Gebiet umzudenken.

Aus Büros werden Wohnungen

Seit Jahren wird die ehemalige Bürostadt schrittweise in ein gemischtes Stadtquartier umgebaut.

2014 wurde das Areal offiziell auch für Wohnnutzungen geöffnet. Seitdem wurden ehemalige Bürogebäude umgebaut, neue Wohngebäude errichtet und weitere Nutzungen ergänzt. Das Ziel ist ein Viertel, in dem nicht nur gearbeitet, sondern auch gewohnt und gelebt wird.

Das heutige Lyoner Quartier ist damit ein bemerkenswertes Experiment der Frankfurter Stadtentwicklung.

Statt ein vollständig neues Wohngebiet auf bisher unbebauten Flächen zu errichten, wird ein bestehendes Quartier weiterentwickelt.

Das klingt zunächst logisch. In der Praxis ist es anspruchsvoll.

Denn aus einem Bürogebiet wird nicht automatisch ein lebendiges Wohnviertel, nur weil Wohnungen entstehen.

Wohnen braucht mehr als Wohnungen

Ein funktionierendes Quartier braucht Lebensmittelgeschäfte, Gastronomie, Kitas, sichere Wege, Grünflächen und Orte, an denen Menschen sich begegnen können.

Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung des Lyoner Quartiers.

Die ursprüngliche Bürostadt wurde für Pendler und Arbeitsplätze geplant. Wohnviertel funktionieren anders. Menschen sind morgens, abends und am Wochenende dort. Kinder brauchen andere Räume als Büroangestellte. Wer dort wohnt, möchte alltägliche Dinge möglichst in der Nähe erledigen können.

Stadtentwicklung bedeutet deshalb mehr als neue Quadratmeter Wohnfläche.

Ein Quartier muss sich nach und nach zu einem Lebensraum entwickeln.

Für FFMNahDran ist das Lyoner Quartier deshalb besonders spannend. Hier lässt sich beobachten, wie Frankfurt versucht, eine bestehende Stadtstruktur grundsätzlich neu zu interpretieren.

Der Main als Gegenpol

Nur wenige Minuten entfernt wartet wiederum ein völlig anderes Niederrad.

Das Mainufer ist besonders in den wärmeren Monaten ein wichtiger Freizeit- und Erholungsraum. Auf einer vorgelagerten Insel befindet sich das Licht- und Luftbad Niederrad. Schwimmen ist dort nicht möglich, die Anlage dient aber als großer grüner Aufenthaltsbereich direkt am Wasser.

Damit besitzt Niederrad etwas, das in einer dichter werdenden Großstadt immer wertvoller wird: direkten Zugang zu Wasser und Freiraum.

Der Main ist hier nicht nur Kulisse.

Er ist Spazierweg, Freizeitort und Abstand zur Stadt.

Genau dieser Gegensatz macht Niederrad besonders. Auf der einen Seite stehen großformatige Bürogebäude und neue Wohnprojekte, auf der anderen öffnet sich die Stadt zum Fluss.

Auch das Universitätsklinikum prägt Niederrad

Hinzu kommt ein weiterer bedeutender Faktor: das Universitätsklinikum Frankfurt am Mainufer.

Es gehört zu den großen Einrichtungen des Stadtteils und sorgt dafür, dass Niederrad täglich von weit mehr Menschen genutzt wird als nur von seinen Bewohnerinnen und Bewohnern.

Diese verschiedenen Funktionen überlagern sich.

Niederrad ist Wohnort, Arbeitsplatz, Gesundheitsstandort, Durchgangsraum und Freizeitgebiet zugleich.

Gerade deshalb wirkt der Stadtteil an manchen Stellen fast zusammengesetzt aus mehreren unterschiedlichen Städten.

Mehr als 30.000 Menschen leben inzwischen in Niederrad

Die Bedeutung Niederrads als Wohnstandort ist deutlich gewachsen. Nach Angaben der Frankfurter Statistik lebten Ende 2024 rund 30.800 Menschen im Stadtteil.

Dabei ist zu beachten, dass sich auch die statistischen Grenzen verändert haben. 2018 wurde das Gebiet des heutigen Lyoner Quartiers vollständig Niederrad zugeschlagen. Dadurch wuchs die Fläche des Stadtteils auf rund 612,5 Hektar und damit auf mehr als das Doppelte der Fläche zur Zeit der Eingemeindung.

Auch daran lässt sich ablesen, wie stark die Entwicklung des ehemaligen Bürogebiets heute mit Niederrad verbunden ist.

Ein Stadtteil, an dem Frankfurt viel lernen kann

Niederrad steht exemplarisch für eine Frage, die Frankfurt in den kommenden Jahren immer häufiger beschäftigen dürfte:

Wie lassen sich bestehende Stadtbereiche weiterentwickeln, ohne immer neue Flächen zu verbrauchen?

Die Umwandlung von Büroflächen in Wohnraum kann ein Teil der Antwort sein. Sie funktioniert aber nur dann wirklich gut, wenn gleichzeitig Infrastruktur, öffentlicher Raum und Lebensqualität mitwachsen.

Niederrad bietet dafür ein interessantes Versuchsfeld.

Hier treffen ein gewachsener Ortskern, historische Wohnarchitektur, große Verkehrsachsen, moderne Bürobauten, neue Wohnungen, ein bedeutendes Klinikum und das Mainufer unmittelbar aufeinander.

Das Ergebnis ist nicht überall harmonisch.

Aber gerade das macht den Stadtteil spannend.

FFMNahDran findet: Niederrad zeigt besonders deutlich, dass Frankfurt nicht fertig gebaut ist. Der Stadtteil befindet sich mitten in einem Wandel, bei dem aus einem Ort zum Arbeiten zunehmend ein Ort zum Leben werden soll. Entscheidend wird sein, ob aus neuen Wohnungen am Ende auch ein wirklich lebendiges Stück Stadt entsteht.

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Redaktion FFM Report 220 Artikel
Die Internetzeitung für Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet